Gedichte

Unveröffentlicht

Kind, Erwachsene, alte Frau

Spielen und Lachen, Tanzen und Singen,
Basteln und Witzeln, Rennen und Springen,
das ist alles, was ich heute möcht‘ erleben,
ohne mich des Alters müden Knochen zu ergeben.
 
Arbeit im Beruf, Arbeit Zuhaus‘,
Putzen und Fegen, Müll zur Tür hinaus,
das ist alles, was ich heute muss noch tun,
keine Zeit, um meine jungen Knochen auszuruhen.
 
Fernsehen im Bett, Kopf auf dem Kissen,
nähen, was das Enkelchen hat zerrissen,
das ist alles, was ich heute kann noch tun,
zu viel Zeit, um die alten Knochen auszuruhen.
 
Es gibt diese Momente im Leben,
wenn Vergangenheit und Zukunft sind vereint.
Wenn die Erwachsene ist zugleich ein Kind,
und ein Kind schon so viel älter scheint.
Diese Momente sind sehr wertvoll,
denn sie machen uns eines bewusst,
das innere Kind ist niemals verloren,
selbst wenn wir erfüllt sind von Frust.
Und ist meine Welt eingefärbt in tristem Grau,
so führe ich mir vor Augen, im Fluss der Zeit
bin ich stets Kind, Erwachsene und alte Frau.
So suche ich mir aus, was ich heute möchte sein,
genieße das vielseitige Leben, denn es ist mein.


Ich bin der Tod junger Leidender

Erneut werde ich zur Pflicht gerufen,
keine Seltenheit in diesen finst’ren Tagen,
von den Leidenden, die mich zum Zwecke schufen,
sie in friedlichere Gefilde zu tragen.
 
Aufgegeben haben sie ihr junges Leben,
aus Gründen verschieden und individuell.
Noch vor wenigen Jahren hat es mich nicht gegeben,
bevor ihre Anzahl wuchs so grausam schnell.
 
Einst hatte ich zu diesen Leidenden gehört,
traurig, allein und meiner Existenz überdrüssig,
von Todes sanfter Stimme sinnlich betört,
jeder weitere Atemzug scheinbar überflüssig.
 
Doch trotz des Friedens, den ich wählte,
fand ich keine Ruhe im ewigen Dunkel,
denn erreichte mich der anderen jungen Gequälten
flehendes und untröstliches Gemunkel.
 
Und so entschied ich sie zu nehmen bei der substanzlosen Hand,
ihnen durch meine wärmende Führung zeigend, dass ich verstand,
denn auch wenn ich liebevoll begrüßt worden war durch den Tod,
war es nicht er, der würde erkennen der jungen Leidenden Not.
 
So gab ich auf meinen ewigen Frieden,
für die armen Seelen, die ihn wahrlich verdienten.
 

Erste Tage

In meinem Leben hatte ich viele erste Tage,
doch sah ich mich bisher nicht in der Lage,
über diese trügerische Zeit zu sprechen,
aus Angst an den Erinnerungen zu zerbrechen.
Trotz allem weiß ich es noch genau,
ich war nicht immer diese fremde Frau,
war einst lediglich ein winz’ger Wicht
mit Tränen der Einsamkeit im Gesicht.
Allein zu sein war mir eine große Last,
die Isolation war mir zutiefst verhasst
und so habe ich mich hoffnungsvoll verbogen,
und mein eigenes Selbst damit stets betrogen.
 
Der erste Schultag glich reinster Tortur,
denn ich wollte erreichen eine Sache nur,
dass mich ein jeder mag und akzeptiert,
folglich habe ich mein geselliges Ich kreiert.
 
Ich weiß noch als ich meine erste Liebe traf,
und mein altes Ich ganz schnell verwarf.
Ja, vergessen war die aufgesetzte Geselligkeit,
ersetzt durch gespielte Unsicherheit. 
 
An meinem ersten Arbeitstag realisierte ich sogleich,
mit Unterwürfigkeit kam ich hier nicht weit.
So wurde ich selbstbewusst und stark,
während ich meine Unsicherheit vor allen verbarg.
 
Mit der Zeit vergaß ich, wer ich war,
wusste längst nicht mehr, wen ich dort im Spiegel sah.
Ich war zerrissen zwischen meinen Persönlichkeiten
und verlor nach und nach meine Besonderheiten.
 
Ja, so ist das mit den ersten Tagen,
prägend wie nichts sonst im Leben,
versuchen wir sie mit Fassung zu tragen,
und gehen dabei neuen Identitäten entgegen.
Doch lasst euch dies eine Lehre sein.
Zerrissenheit ist nicht der Reise Ziel.
Verlasst der Perfektion trügerischen Schein,
denn euer Selbst vermag schon so viel.
Veränderung ist unausweichlich,
das sei jedem bewusst und klar,
doch vergesst niemals euer wahres Ich,
was ist, was sein wird und das, was war.